S I P O L

Eine der zentralen Aufgaben der freiwilligen Reservistenarbeit ist die Information über SIcherheitsPOLitik.
Im Schwerpunkt wird dies durch Informationsstände bei Veranstaltungen sowie durch sicherheitspolitische Vorträge gemacht,
welche die Gliederungen des Reservistenverbandes anbieten.

In unregelmäßigen Abständen erstellt die RK Rimpar Artikel zur Sicherheitspolitik. Ältere Beiträge sind in nachstehender Tabelle zu finden.
Weiterhin von aktueller Bedeutung ist unser Statement zur Wehrpflicht.





Würzburg, 05. Februar 2026

Vernachlässigung der beorderungsunabhängigen Reservistenarbeit,
Auswirkungen der aktuell geplanten Ausbildung Ungedienter
und Folgen für die gesellschaftliche Resilienz


Neben der aktiven Truppe und der beorderten Reserve der Bundeswehr, gibt es die beorderungsunabhängige Reserve. Diese umfasst alle ehemaligen, aber unbeorderten Soldaten. Rund 115.000 von ihnen sind im Reservistenverband organisiert. Gut 30 Prozent davon beteiligen sich aktiv in der beorderungsunabhängigen Reservistenarbeit. Diese ist seit Jahrzehnten ein tragender Bestandteil der Sicherheitsarchitektur Deutschlands; gerade in ihrer Funktion als Mittler zur Gesellschaft. Sie verbindet militärische Fähigkeiten mit zivilgesellschaftlicher Verankerung, schafft regionale Resilienz und bildet das Bindeglied zwischen Bundeswehr und Bevölkerung. In einer sicherheitspolitischen Lage, die von zunehmender Instabilität, hybriden Bedrohungen und der realen Möglichkeit konventioneller Konflikte geprägt ist, kommt dieser Form der Reservearbeit eine strategische Bedeutung zu, die weit über ihre organisatorische Nische hinausgeht.

Gleichzeitig zeigen sich seit Jahren strukturelle Defizite, die die Leistungsfähigkeit der beorderungsunabhängigen Reserve erheblich beeinträchtigen. Diese Defizite sind nicht das Ergebnis mangelnder Motivation der Reservisten, sondern Ausdruck systemischer Versäumnisse: fehlende Betreuung, unzureichende Ausbildungskapazitäten, unklare Zuständigkeiten, starre rechtliche Rahmenbedingungen und eine Bundeswehr, die aufgrund eigener Engpässe kaum noch in der Lage ist, die Reserve angemessen zu unterstützen.

Besonders sichtbar werden diese Schwächen im Kontext der aktuell geplanten Ausbildung Ungedienter. Die Bereitschaft tausender Bürgerinnen und Bürger, sich freiwillig in den Dienst der Landes- und Bündnisverteidigung zu stellen, ist ein sicherheitspolitischer Gewinn. Doch das derzeitige Konzept verhindert eine sinnvolle Weiterverwendung und Integration dieser Menschen. Statt die Reserve zu stärken, bindet es wertvolle Ressourcen und verschärft damit bestehende strukturelle Engpässe. Das Problem ist nicht die Ausbildung Ungedienter an sich, sondern ihre unzureichende Einbettung in Truppe und Reserve.

Dieser Alarmruf zeigt auf, welche sicherheitspolitischen Risiken aus diesen Defiziten entstehen, warum die gesellschaftliche Resilienz unmittelbar betroffen ist und welche strukturellen Reformen notwendig sind, um die Reserve als tragfähige Säule der Landesverteidigung zu stärken.

Abschnitte

1.0 Die Bedeutung der beorderungsunabhängigen Reserve
2.0 Strukturelle Defizite in Führung, Betreuung und Einbindung der unbeorderten Reserve
3.0 Strategische Rolle der unbeord. Reserve und das aus der Vernachlässigung entstehende Paradox
4.0 Einsatzbereitschaft, Resilienz und gesamtgesellschaftliche Verteidigungsfähigkeit
5.0 Notwendige strukturelle Reformen
6.0 Gesamtbetrachtung
7.0 Schlussbemerkung / Appell

1.0 Die Bedeutung der beorderungsunabhängigen Reserve
Die beorderungsunabhängige Reserve (buRes) ist weit mehr als ein organisatorischer Sammelbegriff für ehemalige Soldatinnen und Soldaten. Sie ist ein sicherheitspolitisches Instrument, das in Deutschland derzeit unterschätzt und unzureichend genutzt wird. Ihre besondere Stärke liegt in drei Bereichen, die unmittelbar zur gesellschaftlichen Resilienz beitragen.

1.1 Gesellschaftliche Verankerung und Mittlerfunktion
Reservisten sind in der Mitte der Gesellschaft verankert: in Vereinen, Kommunen, Betrieben, Blaulichtorganisationen und Verwaltungen. Sie tragen sicherheitsrelevantes Wissen in die Bevölkerung, wirken als Multiplikatoren und schaffen Akzeptanz für militärische Themen, die in Deutschland traditionell sensibel sind. Diese Mittlerfunktion ist ein zentraler Baustein gesellschaftlicher Resilienz - und sie kann nur durch eine starke beorderungsunabhängige Reservistenarbeit erfüllt werden.

1.2 Regionale Resilienz und Krisenfestigkeit
Die beorderungsunabhängige Reservistenarbeit ist flächendeckend präsent und damit ein natürlicher Bestandteil regionaler Sicherheitsstrukturen. In Krisenlagen - ob Naturkatastrophen, hybride Angriffe oder militärische Spannungen - kann sie schnell und lokal wirksam werden. Diese Fähigkeit entsteht jedoch nicht automatisch, sondern setzt kontinuierliche Ausbildung, Betreuung und Einbindung voraus. Wo diese fehlt, verliert die Reserve ihre Wirksamkeit.

1.3 Personalreserve für den Ernstfall
Die beorderungsunabhängige Reservistenarbeit ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Personalreserve, die im Verteidigungsfall benötigt wird, um Verluste auszugleichen, Strukturen zu verstärken und neue Kräfte auszubilden. Ohne eine funktionierende beorderungsunabhängige Reservistenarbeit ist eine glaubwürdige Mobilmachungsfähigkeit nicht herstellbar. Die aktuelle sicherheitspolitische Lage zeigt, dass dieser Aspekt nicht theoretisch ist, sondern unmittelbare Relevanz besitzt.

2.0 Strukturelle Defizite in Führung, Betreuung und Einbindung der beorderungsunabhängigen Reserve
Trotz ihrer sicherheitspolitischen Bedeutung wird die beorderungsunabhängige Reserve seit Jahren nicht mit der notwendigen Priorität geführt, betreut und in die Strukturen der Bundeswehr eingebunden. Die Defizite sind systemisch und betreffen organisatorische Zuständigkeiten, personelle Ressourcen, rechtliche Rahmenbedingungen und die praktische Umsetzung im täglichen Dienstbetrieb. Diese strukturellen Schwächen führen dazu, dass die beorderungsunabhängige Reservistenarbeit ihre Potenziale nur eingeschränkt entfalten.

2.1 Fehlende klare Zuständigkeiten und unzureichende Führungsspanne
Die Verantwortung für die beorderungsunabhängige Reserve innerhalb der Bundeswehr verteilt sich auf mehrere Ebenen, ohne dass eine durchgängig handlungsfähige Führungs- und Betreuungskette existiert. Rollen, Befugnisse und Verantwortlichkeiten sind nicht eindeutig definiert, was zu Kompetenzüberschneidungen, unklaren Entscheidungswegen und geringer Priorisierung im Tagesbetrieb führt. Diese Reserve existiert damit formal, wird aber praktisch nur begrenzt geführt und genutzt.

2.2 Wegfall früherer Unterstützungsstrukturen
Früher standen aktive Einheiten als feste Unterstützer für die beorderungsunabhängige Reservistenarbeit zur Verfügung; diese Strukturen sind durch Umorganisationen vollständig entfallen. Die beorderte Reserve hat weder den Auftrag noch die Kapazitäten, die beorderungsunabhängige Reserve zu betreuen. Wo beorderte Reservisten dennoch mitwirken, geschieht dies ausschließlich freiwillig. Die Folge ist eine beorderungsunabhängige Reserve, die zwar gewollt ist, aber mangels klarer Zuständigkeiten und Ressourcen nicht wirksam genutzt wird.

2.3 Unzureichende Betreuung und fehlende Einbindung
Die beorderungsunabhängige Reserve verfügt über kein eigenes, verlässlich verankertes Betreuungssystem. Zentrale und einzige Ansprechpartner sind die Feldwebel für Reservisten, die jedoch bei Dienststellen häufig selbst auf begrenzte Unterstützung stoßen. Dienststellen priorisieren die beorderungsunabhängige Reservistenarbeit nicht, Kontinuität und klare Informationswege fehlen. Dies führt zu sinkender Motivation, schwindender Bindung und dem Verlust sicherheitspolitisch relevanter Fähigkeiten.

2.4 Unzeitgemäße rechtliche und administrative Rahmenbedingungen
Komplexe Freistellungsregelungen, unklare Schnittstellen zu Arbeitgebern - insbesondere das Spannungsfeld zwischen dem Prinzip der doppelten Freiwilligkeit und dem Arbeitsschutzrecht - sowie fehlende Flexibilität bei Verwendungen erschweren die Aktivierung und langfristige Bindung von Reservistinnen und Reservisten. Beamtenrechtliche Altersgrenzen schließen erfahrene Kräfte aus, obwohl sie einsatzbereit wären. Langwierige Sicherheitsüberprüfungen verhindern zudem die Aktualisierung von Befähigungen. Dadurch bleiben vorhandene Bereitschaft und Expertise häufig ungenutzt.

2.5 Fehlende Ressourcen für Ausbildung, Infrastruktur und Personal
Ausbildungspersonal, Übungsplätze, Material und administrative Unterstützung sind knapp bemessen. Viele Dienststellen priorisieren die beorderungsunabhängige Reserve aufgrund eigener Belastungen nur nachrangig. Dadurch entsteht eine strukturelle Lücke zwischen dem politischen Anspruch und praktischer Umsetzung. Ohne ausreichende Ressourcen bleibt die beorderungsunabhängige Reservistenarbeit unterentwickelt und kann ihre Rolle für regionale Resilienz und Mobilmachungsfähigkeit nicht erfüllen.

3.0 Die strategische Rolle der unbeord. Reserve und das aus der Vernachlässigung entstehende Paradox
Die unbeorderte Reserve ist zahlenmäßig der größte Teil der deutschen Reserve und damit ein zentraler Bestandteil der nationalen Sicherheitsvorsorge. Sie stellt den größten Personalpool dar, aus dem im Krisen- oder Verteidigungsfall Fähigkeiten verstärkt, Verluste ausgeglichen und neue Strukturen aufgebaut werden müssen. Ihre Bedeutung ergibt sich nicht aus formalen Statusfragen, sondern aus ihrer Funktion als strategische Ressource, die militärische Fähigkeiten, gesellschaftliche Verankerung und regionale Präsenz miteinander verbindet.

Trotz dieser sicherheitspolitischen Relevanz wird die beorderungsunabhängige Reserve im Normalbetrieb jedoch nicht als gestaltbare Fähigkeit geführt. Sie existiert nicht als aktiv entwickelter Teil der Landes- und Bündnisverteidigung. Durch die in den vorherigen Abschnitten aufgezeigte Vernachlässigung entsteht ein strukturelles Paradox: Die Bundeswehr ist im Krisenfall auf die beorderungsunabhängige Reserve angewiesen, behandelt sie aber im täglichen Dienstbetrieb wie eine Randerscheinung.

Dieses Paradox führt dazu, dass ein sicherheitspolitisch unverzichtbares Potenzial unentwickelt bleibt. Die beorderungsunabhängige Reserve könnte einen entscheidenden Beitrag zur Mobilmachungsfähigkeit, zur regionalen Resilienz und zur sicherheitspolitischen Robustheit der Gesellschaft leisten - doch ohne klare Zuständigkeiten, Ressourcen und Einbindung bleibt sie ein theoretisches Konzept, das in der Praxis kaum wirksam wird. Damit entsteht eine sicherheitspolitische Lücke, die angesichts der aktuellen Bedrohungslage nicht länger hingenommen werden kann.

4.0 Einsatzbereitschaft, Resilienz und gesamtgesellschaftliche Verteidigungsfähigkeit
Die personellen Probleme der Bundeswehr und beorderten Reserve sind bekannt. Die Verteidigungsfähigkeit eines Staates hängt nicht allein von der aktiven Truppe und beorderten Reserve ab, sondern maßgeblich von der Resilienz seiner Bevölkerung. Staaten im Baltikum und in Skandinavien zeigen, dass eine belastbare Verteidigungsfähigkeit nur entsteht, wenn breite Teile der Gesellschaft bereits im Frieden organisiert, ausgebildet und eingeplant werden. Dort wird Personal nicht erst im Ernstfall gesucht, sondern freiwilliges ziviles Personal wird frühzeitig in klare Strukturen eingebunden und auf definierte Rollen vorbereitet.

Die bestehenden Strukturen der Bundeswehr und der Reserve sind bislang nicht in der Lage, dieses Potenzial in der Breite zu erschließen. Auch die beorderungsunabhängige Reserve kann dies aufgrund mangelnder Unterstützung zunehmend nicht leisten.

Dies wirkt sich unmittelbar auf die gesamtgesellschaftliche Verteidigungsfähigkeit und Bereitschaft aus - insbesondere im Hinblick auf die bevorstehende Erfassung der Wehrdiensttauglichkeit und den geplanten freiwilligen Wehrdienst ab 2027. Eine höhere gesellschaftliche Resilienz erhöht sowohl die Zahl der Freiwilligen als auch die Akzeptanz möglicher verpflichtender Maßnahmen, falls Freiwilligkeit nicht ausreicht.

4.1 Ungenutztes Potenzial und die Problematik der Ungedienten
Ein erheblicher Teil des verfügbaren Potenzials bleibt ungenutzt. Viele Reservistinnen und Reservisten möchten sich engagieren, können sich aber aufgrund beruflicher Verpflichtungen nicht beordern lassen und finden in der beorderungsunabhängigen Reserve keine verlässlichen Strukturen mehr. Die Bereitschaft ist vorhanden - die organisatorischen Voraussetzungen fehlen.

Noch deutlicher zeigt sich das Defizit bei den Ungedienten. Ihre Bereitschaft zur Mitwirkung wird kaum systematisch erschlossen. Verfahren sind langwierig, kompliziert und für viele Interessenten frustrierend. Selbst nach erfolgreicher Teilnahme an einer Grundausbildung Ungedienter fehlt häufig eine klare Anschlussverwendung, weil die Ausbildung für eine Verwendung im Heer von diesem als zu gering angesehen wird. So gehen Motivation und Fähigkeiten schnell wieder verloren.

Das Verhältnis von rund 4.000 Interessenten zu lediglich 1.000 verfügbaren Plätzen zeigt außerdem die strukturelle Lücke. Deutschland verfügt über ein hohes Maß an Bereitschaft in der Bevölkerung - aber nicht über Strukturen, sie in kurzer Zeit aufzunehmen, auszubilden und zu halten.

4.2 Folgen für Durchhaltefähigkeit, Mobilisierung und Resilienz
Die beschriebenen Defizite führen zu einer dreifachen Lücke: Es fehlt Personal für die aktive Truppe, für die beorderte Reserve und für den Aufwuchs im Krisenfall. Damit sinkt die Durchhaltefähigkeit der Bundeswehr und die gesamtgesellschaftliche Resilienz. Während Partnernationen ihre Reserve- und Heimatschutzkonzepte stärken, wächst in Deutschland die Diskrepanz zwischen politischem Anspruch und realen Fähigkeiten. Wenn mit der notwendigen Vorbereitung erst begonnen wird, nachdem der erste Schuss gefallen ist, ist es zu spät - und gegenüber unausgebildeten Wehrpflichtigen unverantwortlich!

4.3 Verschärfung der Lage durch den Abzug von Ressourcen für die Ausbildung Ungedienter
Die strukturellen Defizite in der beorderungsunabhängigen Reservistenarbeit werden dadurch verschärft, dass erhebliche personelle und materielle Ressourcen für die Ausbildung Ungedienter gebunden werden. Das Heer hat diese Aufgabe aus personellen Gründen abgelehnt. Daraufhin entwickelte das Streitkräfteamt die Idee, diese Aufgabe der beorderungsunabhängigen Reservistenarbeit zu geben. Eine Abfrage brachte zwar zahlreiche Meldungen hervor, doch waren diese aufgrund Vorschriftenlage und veralteter Ausbildungsstände kaum nutzbar.

In der Folge entschied das Streitkräfteamt, rund 50 Prozent der Feldwebel für Reservisten zur Durchführung dieser Ausbildung einzusetzen. Diese Aufgabe ist sicherheitspolitisch notwendig, bindet jedoch Kapazitäten, die in der Betreuung, Ausbildung und Aktivierung der beorderungsunabhängigen Reserve fehlen. Damit wird diese weiter an den Rand gedrängt, obwohl sie im Krisenfall unverzichtbar ist.

4.4 Konkrete Auswirkungen der Fehlsteuerung: Beispiele aus der Praxis Die Folgen dieser Fehlsteuerung zeigen sich bereits deutlich in der Praxis. Im Raum Würzburg/Unterfranken fallen im ersten Halbjahr 2026 sämtliche Dienstlichen Veranstaltungen aus, weil der zuständige Feldwebel für Reservisten vollständig in die Ausbildung Ungedienter abgezogen wurde. Damit bricht die einzige Schnittstelle zur beorderungsunabhängigen Reservistenarbeit in dieser Region vorläufig vollständig weg - mit unmittelbaren Auswirkungen auf Motivation, Bindung und Einsatzbereitschaft der Reservistinnen und Reservisten.

Noch deutlicher wird die strukturelle Schieflage im Vergleich der Zahlen: Während im Wehrbereich IV (Bayern und Baden Württemberg) im Jahr 2026 rund 250 Ungediente ausgebildet werden sollen, stehen diesen allein in Bayern etwa 700 erfahrene und aktive Reservistinnen und Reservisten ohne Übungsmöglichkeiten entgegen, die mehr und mehr verprellt werden. Die aktuelle Planung ist damit nicht nur ineffizient, sondern sicherheitspolitisch kontraproduktiv: Sie schwächt die beorderungsunabhängige Reserve, reduziert regionale Resilienz und untergräbt die Motivation derjenigen, die bereits ausgebildet und sofort verfügbar sind.

5.0 Notwendige strukturelle Reformen
Die beschriebenen Defizite sind Ausdruck systemischer Schwächen in Organisation, Priorisierung und Ressourcensteuerung. Um Einsatzbereitschaft, Mobilisierungsfähigkeit und gesellschaftliche Resilienz zu stärken, braucht es Reformen, die kurzfristige Handlungsfähigkeit herstellen und langfristig tragfähige Strukturen schaffen. Entscheidend ist ein kohärenter Ansatz, der die Reserve als strategische Ressource begreift und ihre Entwicklung verlässlich absichert.

5.1 Fragmentierte Zuständigkeiten und durchgängige Führungsfähigkeit
Die Reserve leidet unter fragmentierten Verantwortlichkeiten: Der Generalinspekteur trägt die Gesamtverantwortung, der Stellvertretende Generalinspekteur verantwortet ein breites Portfolio, in dem die Reserve nur eines von vielen Themenfeldern darstellt. BeaPersBw und Karrierecenter setzen andere Prioritäten als das Streitkräfteamt und die militärischen Dienststellen. Alle Beteiligten agieren in einem Umfeld, in dem Entscheidungswege stark politisiert sind und formale Befehlsketten in der Praxis nur begrenzt wirksam werden.

Diese strukturelle Zersplitterung führt zu Zielkonflikten, Reibungsverlusten und Verzögerungen, die die Einsatzbereitschaft unmittelbar beeinträchtigen. Eine wirksame Reserveentwicklung erfordert daher eine durchgängige Führungs- und Betreuungskette aus einem Guss - klar in den Befugnissen, eindeutig in den Verantwortlichkeiten und verbindlich in den Prioritäten.

5.2 Stärkung der beorderungsunabhängigen Reservistenarbeit Die beorderungsunabhängige Reserve ist sicherheitspolitisch unverzichtbar, wird jedoch seit Jahren strukturell unterversorgt. Betreuung, Ausbildung und Einbindung sind vielerorts nicht verlässlich organisiert. Besonders deutlich wird dies an der zentralen Rolle der Feldwebel für Reservisten: Fällt dieser aus oder wird - wie aktuell für die Ausbildung Ungedienter - für andere Aufgaben abgezogen, bricht die regionale Reservearbeit sofort ein. Der Ausfall ganzer Veranstaltungszeiträume - wie aktuell im Raum Würzburg/Unterfranken - verdeutlicht dies eindrücklich. Übungsmöglichkeiten entfallen, Informationswege reißen ab, und die Bindung der Reservistinnen und Reservisten sinkt spürbar, da Vereinsveranstaltungen mit Uniformtrageerlaubnis Dienstliche Veranstaltungen nicht in allen Belangen ersetzen können.

Hinzu kommt, dass viele Reservistinnen und Reservisten ihre Befähigungen nicht aktualisieren können. Ausbildung in neuen Verfahren (zB nSAK) setzen Sicherheitsüberprüfungen voraus, die oft fehlen oder aufgrund langer Bearbeitungszeiten nicht rechtzeitig vorliegen. Die angekündigte vereinfachte Sicherheitsüberprüfung ist bislang nicht umgesetzt. Zusätzlich wird die beorderungsunabhängige Reserve durch die Weisung 1/2023 des Streitkräfteamts faktisch ausgebremst. Dadurch bleiben vorhandene Fähigkeiten ungenutzt und veraltet, obwohl sie dringend benötigt würden.

Eine wirksame beorderungsunabhängige Reservistenarbeit braucht stabile Ansprechpartner, planbare Übungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten in neue Verfahren sowie zeitnahe Sicherheitsüberprüfungen. Nur so kann sie ihre Rolle für regionale Resilienz, Mobilmachungsfähigkeit und gesamtgesellschaftliche Verteidigungsbereitschaft glaubhaft erfüllen.

5.3 Professionalisierung der Ausbildung Ungedienter Die Ausbildung Ungedienter ist sicherheitspolitisch notwendig, darf jedoch nicht in Konkurrenz zur beorderungsunabhängigen Reservistenarbeit stehen. Der derzeitige Ressourceneinsatz - insbesondere der Abzug der Feldwebel für Reservisten - schwächt die regionale Reserve unmittelbar und verhindert die Aktivierung bereits ausgebildeter Kräfte. Eine nachhaltige Lösung erfordert eine eigenständige, professionell aufgestellte Ausbildungslinie mit klarer Ressourcenzuweisung, modernen Ausbildungsstandards und definierten Anschlussverwendungen. Die beorderungsunabhängige Reserve könnte hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten, wenn Befähigungen aktualisiert und Verfahren beschleunigt würden.

5.4 Ressourcen, Personal und Infrastruktur
Übungsplätze, Schießanlagen, Unterkünfte, Waffen, Material und Ausbildungseinrichtungen sind häufig ausgelastet, eingeschränkt oder gar nicht verfügbar. Diese Engpässe erschweren die Planung und schränken die Einsatzbereitschaft der beorderungsunabhängigen Reserve ein. Eine realistische Ressourcenplanung muss diese ausdrücklich berücksichtigen und ihr feste Kontingente zuweisen. Nur so kann sie ihren Auftrag erfüllen und im Krisenfall schnell und wirksam zur Verfügung stehen. 5.5 Digitalisierung, Datenlage und Führungsfähigkeit

Die Digitalisierung der Bundeswehr konzentriert sich verständlicherweise derzeit auf die aktive Truppe. Für die beorderungsunabhängige Reserve wäre es schon ein Fortschritt, wenn Vorschriften die Nutzung selbst veralteter sicherheitsrelevanter Ausrüstung außerhalb von Dienstlichen Veranstaltungen nicht verhindern würde.

Eine moderne Reserve benötigt darüber hinaus digitale Anbindung, klare Prozesse und zeitgemäße Führungswege, um im Krisenfall schnell aktiviert und wirksam geführt werden zu können.

5.6 Einbindung der Gesellschaft und Resilienzaufbau Die Reserve ist ein zentraler Bestandteil der gesamtgesellschaftlichen Sicherheitsvorsorge. Die vergangenen Jahrzehnte waren von einer sicherheitspolitischen Lage geprägt, in der die Bedeutung der Reserve für die gesamtgesellschaftlichen Resilienz nur eine untergeordnete Rolle spielte. Dies hat in der Bevölkerung zu einem "freundlichen Desinteresse" auch gegenüber der Reserve geführt.

Eine stärkere Einbindung der Gesellschaft setzt voraus, dass die Reserve sichtbar, erreichbar und glaubhaft ist. Gerade die beorderungsunabhängige Reserve kann hier eine wichtige Funktion übernehmen, da sie regional verankert ist und unmittelbare Anknüpfungspunkte zu Vereinen, Kommunen und zivilen Organisationen bietet. Diese regionale Präsenz ermöglicht es ihr, gesellschaftliche Stimmungen frühzeitig wahrzunehmen und zu vermitteln - eine Fähigkeit, die der Reservistenverband einst pointiert als das "Beherrschen des Luftraums über den Stammtischen" beschrieben hat.

Viele Reservistinnen und Reservisten sind mehrfach eingebunden - in Arbeit, Blaulichtorganisationen und kommunale Verantwortung. Diese Mehrfachverwendungen stärken die gesamtgesellschaftliche Resilienz, erzeugen aber Zielkonflikte, wenn Prioritäten nicht klar geregelt sind. Forderungen, Reservisten sollten nicht in Blaulichtorganisationen tätig sein, greifen an der Realität vorbei und würden die gesamtgesellschaftliche Resilienz eher schwächen als stärken.

Im Ernstfall stellt sich die Frage, welche Organisation - Arbeitgeber, Blaulichtorganisation oder Bundeswehr - auf diese Kräfte verzichten kann und wer letztlich verliert, wenn diese Zielkonflikte nicht frühzeitig erkannt und strukturell berücksichtigt werden.

Eine abgestimmte gesamtstaatliche Betrachtung ist notwendig, um im Krisenfall festzulegen, welche Organisation wann auf welche Kräfte zugreifen kann. Nur klare Regelungen ermöglichen es, Reservistinnen und Reservisten dort einzusetzen, wo sie im jeweiligen Szenario den größten Beitrag leisten.

6. Gesamtbetrachtung
Die beschriebenen Reformfelder entfalten ihre Wirkung nur, wenn sie in einem kohärenten Gesamtsystem umgesetzt werden. Die Reserve ist ein komplexes Gefüge aus militärischen, administrativen und gesellschaftlichen Komponenten. Werden diese nicht aufeinander abgestimmt, entstehen Zielkonflikte, Reibungsverluste und Verzögerungen, die die Einsatzbereitschaft unmittelbar beeinträchtigen.

Eine wirksame Reserveentwicklung erfordert daher einen Ansatz aus einem Guss: klare Prioritäten, eindeutige Verantwortlichkeiten und eine durchgängige Führungs- und Betreuungskette. Politische Vorgaben, ministerielle Zuständigkeiten und militärische Umsetzung müssen konsistent ineinandergreifen, damit Ressourcen zielgerichtet eingesetzt und Maßnahmen nicht durch konkurrierende Anforderungen neutralisiert werden.

Zentral ist eine realistische Priorisierung. Die Reserve kann nicht gleichzeitig alle sicherheitspolitischen Logiken bedienen - Vorbereitung auf militärischen Einsatz und territoriale Verteidigung, zivile Gefahrenabwehr und gesellschaftliche Resilienz. Ohne klare Gewichtung entstehen Zielkonflikte, die im Krisenfall zu Verzögerungen oder Ausfällen führen können. Eine abgestimmte Gesamtsteuerung ist daher keine Einschränkung, sondern Voraussetzung für Wirksamkeit.

Nur wenn die Reserve in einem kohärenten Gesamtsystem verankert ist, kann sie ihren Auftrag erfüllen und im Ernstfall schnell, verlässlich und wirksam zur Verfügung stehen.

7. Schlussfolgerung und Appell
Die Reserve ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Sicherheitsvorsorge Deutschlands. Ihre Wirksamkeit entscheidet sich nicht an Einzelmaßnahmen, sondern an einem kohärenten Gesamtsystem, das Auftrag, Strukturen, Ressourcen und Prioritäten klar ordnet. Die beschriebenen Reformfelder zeigen, wo Handlungsbedarf besteht und welche Schritte notwendig sind, um die Reserve zukunftsfähig aufzustellen.

Es braucht jetzt den politischen Willen, diese Reformen konsequent anzugehen und die beorderungsunabhängige Reserve so zu befähigen, dass sie ihren Auftrag - jetzt und im Krisenfall -verlässlich erfüllen kann. Die sicherheitspolitische Lage erlaubt keine weiteren Verzögerungen. Eine handlungsfähige Reserve ist kein Zusatz, sondern eine Voraussetzung für die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes.




Oktober
2014
Afghanistan Connection
Eine Bestandsaufnahme anlässlich einer Tagesspiegel-Reportage
1999
2009/2011
Der Kosovo-Krieg
Allied Force - Wie Deutschland seine Unschuld verlor
2009
2010
Krieg - oder nicht Krieg
Ist der Einsatz in Afghanistan ein "Krieg"?
Mai
2008
Kosovo - Ein Staat, geboren im Chaos
Ein Lagebericht nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo
Mai
2007
UNIFIL - United Nations Interim Force in Lebanon
Der Einsatz der Deutschen Marine vor der Küste des Libanon
Dezember
2006
Once there was a battle there - IN ZAIRE, IN ZAIRE
Der Einsatz der Bundeswehr zur Absicherung der Wahlen im Kongo
April
2005
Heißer Sommer in Afghanistan
Die mögliche Gefährdungssteigerung des ISAF - Einsatzes durch den beschlossenen Kampf gegen den Drogenanbau.
Februar 2005 Tsunamihilfe Südostasien
Ein Bericht über den Einsatz der "Deutschen Einsatzkräfte Humanitäre Hilfe Südostasien" nach dem Seebeben Weihnachten 2004.
Dezember 2002 Einsatz am Hindukusch
Eine Bestandsaufnahme des Einsatzes der ISAF, knapp ein Jahr nach Einsatzbeginn.
September 2002 Krieg am Golf
Überblick über die Geschichte der Region, Entstehung, Hintergründe und Verlauf der ersten beiden Golfkriege, wobei der Schwerpunkt auf dem zweiten liegt. Zum Ende ein Ausblick auf den damals erwarteten dritten Golfkrieg.


AWARDS

Die SiPol-Seite der RK Rimpar wurden ausgezeichnet mit:

Sicherheitspolitischer Jahrespreis der Landesgruppe Bayern des Reservistenverbandes Silberaward der Rhein-Zeitung

(Stand: Feb 2022)